m
 

Part3
 
No Regrets

Im Juni 1982 veröffentlichte Midge Ure seine erste Solo-Single „No Regrets“. Ein Song der Walker Brothers aus dem Jahre 1976. Midge wollte diesen Song immer singen bzw. auf seine Art interpretieren, seitdem er dieVersion der Walker Brothers gehört hat. Midge arrangierte „No Regrets“ völlig alleine. So sang er, spielte alle Instrumente und produzierte den Track. In Großbritannien reichte es für Platz 9 in den Charts.

If I Was


Durch seine Aktivität rund um das Band- Aid Projekt musste Ure die Arbeit an seinem ersten Solo-Album hinten anstellen. Dem Erfolg stand diese Entwicklung aber nicht entgegen und die Single „If I Was“ erreichte am 14. September 1985 die Spitze der britischen Single-Charts. Insgesamt vierzehn Wochen hielt sich der Song unter den Top Einhundert. In Deutschland reichte es immerhin zum zweiten Platz der Verkaufsliste. Das entsprechende Video machte das Pinscreen (=Nagelbild) populär.

Plattenkritik “If I Was”: „Ein Sieger im ersten Rennen. Typischer Sound, den wir von Midge und Ultravox kennen. Mit Sicherheit wird dieser Track mit der Zeit zu einem Dauerbelagerer des Redaktions-plattenspielers werden. Warten wir aufs Album.“

The Gift

Kurze Zeit danach wurde das Album „The Gift“, unter anderem mit einem Coversong von Jethro Tulls „Living In The Past“ veröffentlicht. Auch das Album stieg am 19. Oktober bis auf Platz 2 der Albumcharts. Aufgenommen und produziert wurde das Album in Zusammenarbeit mit Danny Mitchell von den Messengers in Midge‘s Heimstudio in Chiswick. Er war in erster Linie auch für den Text von „If I Was“ verantwortlich. Allerdings hatte Ure als Solo-Künstler jetzt ein Problem, welches er als Band-Musiker bisher nicht kannte: Er benötigte Gastmusiker. So fand er neben Mitchell weitere musikalische Unterstützung in Kenny Hyslop an den Drums, den er noch aus seiner Zeit bei Slik kannte.

Auch Mark King von Level 42 und Nigel Ross-Scott von Re-Flex sind auf dem Album am Bass zu hören. Ursprünglich strebte Ure eine neuerliche Zusammenarbeit mit Mick Karn an. Diese scheiterte jedoch daran, dass Karn schlichtweg nicht auffindbar war. „The Chieftain“ ist ein Stück, das bereits mit Visage veröffentlicht wurde. Das Titelstück „The Gift“ widmete Ure dabei dem in Glasgow geborenen Künstler und Architekten Charles Rennie Mackintosh. Der galt gegen Ende des 19. Jahrhunderts als eine der führenden Persönlichkeiten der Art-Nouveau-Bewegung und setzte dem modernen Design als Vorreiter des Modern Art seinen Stempel auf. Dem Album folgte Ende 1985 die Tour, wodurch sich die Arbeiten am neuen Ultravox-Album entsprechend verzögerten. Eine Entwicklung, die im weiteren Verlauf Auswirkungen auf die Band haben sollte.

Diverse Platten-Kritiken zum Album jedenfalls belegen das, was auch schon bei Ultravox an der Tagesordnung war: Uneinigkeit. Die Meinungen zu Ures Erstlingswerk waren doch sehr unterschiedlich und gespalten.

LP der Woche & Diverse Kritiken: „Sein zielsicheres Gefühl für das richtige Timing beweist Englands Keyboard-Klangzauberer Midge Ure beim jüngsten Soloprojekt: Während sich die Softballade ‚If I Was’ zum Tophit entwickelt, ist das dazugehörige Album - passend zur Vorweihnachtszeit - ‚The Gift’ betitelt. Midge Ure ‚beschert’ sechs weitere Balladen der bombastischen Art, teils fernöstlich angehaucht (‚She Cired’), teils mit avantgardistischen Schrägtönen versetzt (‚When The Winds Blow’). Interessant auch die raffinierten Instrumental-Klanggemälde ‚Antilles’ und ‚The Chieftain’. Einziges Minus ist die halbgare Neuversion des Jethro-Tull-Klassikers ‚Living In The Past’. Fazit: Traumsound mit kleinen Widerhaken.“
„Bandmitglied versucht sich als Solo-Künstler. 227. Folge: Ultravoxens Midge Ure. Wenn es stimmt, dass Bandmusiker gerne auch außerhalb mal auf Solo-Pfaden wandeln, weil sie dann Ideen verwirklichen können, die im Konzept ihrer Hausband keinen Platz haben, dann kann man Ures ‚Geschenk’ nur teilweise der Sparte ‚Soloprojekte’ zurechnen. Denn auf der ersten Seite dieser LP gibt es bis auf das gelungene Remake des Jethro-Tull-Klassikers ‚Living In The Past’ nichts zu hören, was nicht auch Ultravox so gespielt haben könnte. Hier werden dieselben musikalischen Floskeln, derselbe weinerliche Klagegesang, dieselbe schwülstige Endzeitstimmung und dasselbe kitschige Selbstmitleid strapaziert..

„Erst mit den vier Instrumentaltiteln der B-Seite erreicht Ure neue musikalische Ufer. ‚The Chieftain’ etwa lässt Techno-Funk- und Stimmungsbild-Elemente miteinander kontrastieren und stellt so die zerbrechliche Ultravox-Klangwelt auf ein kraftvolles Fundament. Letztlich hat Ures Solo-LP also doch eine größere stilistische Bandbreite als so manches Ultravox-Opus aufzuweisen.“

„Midge Ure ist ein begnadeter Musiker. Auch wenn auf den letzten Veröffentlichungen neben Genialem oft völliger Klang-Nonsens zu finden war; hier hat er endlich die Gelegenheit, all die musikalischen Dinge, die unter dem Namen Ultravox nicht machbar sind, zu realisieren. Und so erwartete niemand ein Ultravox-Album. Midge hat tief in die Studio-Trickkiste gegriffen und Klänge entstehen lassen, die einem nicht sofort ins Ohr gehen. Das benötigt schon etwas Zeit und Geduld. Da muss wirklich hingehört werden. Ungewöhnlich und reizvoll zugleich sind die Tracks und ein bisschen erstaunt es schon, dass die ausgekoppelte Single ‚If I Was’ bis an die Spitze der britischen Charts kommen konnte. Vielleicht der Live Aid/Band Aid-Bonus. Denn eigentlich finden sich auf ‚The Gift’ keine typischen Chartstürmer, eher Songs, die für den privaten Gebrauch bestimmt sind. Das erinnert stellenweise eher an einen Soundtrack zu einem imaginären Film, als an ein Pop-Album. Fast konzertant.“


„Ultravox-Leadsänger Midge Ure sicherte sich für sein Solo-Album die Dienste von Spitzenmusikern wie Mark King und Mark Brzezicki, womit er sich einen wertvollen rhythmischen Rückhalt schuf. Melodisch geschieht eigentlich nicht viel, doch geht von ‚The Gift’ eine eigenartige Atmosphäre aus. Am deutlichsten wird dies hörbar in der Uralt-Jethro Tull-Komposition ‚Living In The Past’, die Midge in einer brillant-unterkühlten Version bringt.“


„Ultravox-Leadsänger Midge Ure sicherte sich für sein Solo-Album die Dienste von Spitzenmusikern wie Mark King und Mark Brzezicki, womit er sich einen wertvollen rhythmischen Rückhalt schuf. Melodisch geschieht eigentlich nicht viel, doch geht von ‚The Gift’ eine eigenartige Atmosphäre aus. Am deutlichsten wird dies hörbar in der Uralt-Jethro Tull-Komposition ‚Living In The Past’, die Midge in einer brillant-unterkühlten Version bringt.“

„Migde Ure ist Ultravox. Das wird mit dieser Solo-LP deutlich. Und wir sehen an dieser Song-Kollektion auch, dass Ultravox in einer musikalischen Klemme steckt, die Midge nun durch diesen Alleingang umgehen will. ‚The Gift’ ist ein Album, das nicht durch einmaliges Hören entdeckt werden kann. Und es ist sicher nicht für die Tempel des nächtlichen Vergnügens oder fürs Autoradio.

‚The Gift’ beinhaltet ein erhebliches Klang-Kabinett, das durch Midge’s Charisma nicht zum bunten Sammelsurium von ‚Das wollte ich schon immer mal machen’-Songs verkommt. Natürlich klingt das dann doch stellenweise sehr nach Ultravox. Doch das muss nicht störend oder peinlich wirken. Midge hat seine musikalische Heimat längst gefunden. Und er versteht es mit jeder Veröffentlichung mehr und besser, eine seltsame Atmosphäre aus Zerbrechlichkeit, Melancholie und Pathos zu schaffen. ‚The Gift’ ist nicht bombastisch, eher ausgereift und ausgeklügelt - ein edles Geschenk.“

Weitere Auskopplungen aus dem Album sind „That Certain Smile“ und „Wastelands“. Das Video zu „That Certain Smile“ spielt in dem Theater, welches bereits auf dem Cover der Single „No Regrets“ abgelichtet war. In Großbritannien erreichte die Single am 16. November 1985 mit Platz 28 und in Deutschland am 27. Januar 1986 die jeweils höchsten Platzierungen. Zu „Wastelands“ wurde kein Video gedreht, doch konnte sich die Single mit Platz 46 am 8. Februar 1986 ebenfalls in den britischen Charts platzieren.

Plattenkritik „That Certain Smile“ „Das beste Stück aus der LP ‘The Gift’. Ebenso erfolgsträchtig wie ‚If I Was’. Midge Ure hat allerdings mit dem Problem zu kämpfen, dass er seit Ultravox‘ ‚Dancing With Tears In My Eyes’, zumindest seine Singles, immer nach demselben Sound-Strickmuster bastelt. Beim nächsten Mal also mehr Sorgfalt, bitte.“

 
 
Call Of The Wild und The Princes Trust
Neben der dann folgenden Arbeit am nächsten Album von Ultravox wurde Midge Ure 1986 erstmals als musikalischer Direktor für den „Prince’s Trust“ tätig. Im Rahmen seiner All-Star-Band, die u. a. aus Stars wie Elton John, Phil Collins, Mark King, Eric Clapton, Tina Turner, David Bowie und auch Mick Jagger bestand, trat er dabei auch selbst auf und spielte live seine im Juni 1986 veröffentlichte Single „Call Of The Wild“. Für acht Wochen hielt sich der Song in den Charts und erreichte dabei am 27. Juni 1986 mit Platz 27 die höchste Platzierung. Mit „When The Wind Blows“ und „After A Fashion” bei der Maxi-Single, sind auf der Rückseite Live-Versionen der „The Gift“-Tour. Auch in den Jahren 1987 (mit „If I Was“) und 1988 (mit „Dancing With Tears In My Eyes“) zeigte er sich für den musikalischen Teil der Benefizkonzerte verantwortlich. Alle drei Konzerte wurden als Kaufvideo, später auch als DVD veröffentlicht.
 
 

Answers (To Nothing)

„Answers“ ist für Midge bildlich gesehen das erste Soloalbum ohne Netz und doppelten Boden. Zur Zeit von „The Gift“ hatte er, für den Fall des Scheiterns, immer noch Ultravox als Sicherheit. Doch mit beendeter Tour Anfang 1987 war dieses Thema beendet. Er war auf sich alleine gestellt und wollte es der Welt zeigen. Emotional beeinflusst wurde er dabei durch die Diskrepanz seines eigenen Wohlstandes und der Armut, die ihm bei seinem Besuch in Afrika begegnete sowie der weltweiten ungerechten Verteilung von Macht und den draus entstehenden sozialen Schiefständen („Hell To Heaven“, „Dear God“, „Answers To Nothing“, „Remembrance Day“). Aber auch der Tod seines langjährigen Freundes Phil Lynott („Homeland“) und Beziehungsprobleme („Lied“) kamen zum Tragen. Mit „Just For You“ gibt es auch ein waschechtes Liebeslied und für „Sisters & Brothers“ konnte Midge sogar Kate Bush als Gesangspartnerin gewinnen.

Weitere musikalische Unterstützung erhielt er durch Gastmusiker wie Mark King, Mick Karn oder aber auch Mark Brzezicki. Entgegen „The Gift“ stammten aber dieses Mal fast alle Songs aus Ures Feder. Auch dahingehend trifft die Bezeichnung Solo-Album eher zu, als es beim Vorgänger unter tatkräftiger Mithilfe von Danny Mitchell eher noch eine Co-Produktion war. „Answers“ soll Missstände aufzeigen, ohne selbst Antworten geben zu können. Entsprechend auch der Titel des Albums.

Die erste Single war mit „Answers To Nothing“ der Titeltrack des Albums und erschien im August 1988. Doch zu mehr als Platz 49 in den britischen Charts mit vier Wochen Zugehörigkeit reichte es nicht. Dabei gestaltete sich bereits der Videodreh zu einem Desaster, weil vieles von dem, was gemacht werden sollte, aus diversen Gründen einfach nicht funktionierte.

Das Album selbst, veröffentlicht im September 1988, stieg bis auf Platz 30 in den britischen Album-Charts. Nach wie vor lag Midge viel daran, in den Staaten Fuß zu fassen. Tatsächlich hielt sich das Album dort sechzehn Wochen in den Charts und erreichte dabei mit Platz 88 die höchste Platzierung. In Großbritannien war das Album zwar höher platziert, aber dafür auch nur drei Wochen unter den Top Einhundert. In Deutschland konnten sich weder Album noch Single durchsetzen.

„Dear God“ ist die zweite Auskopplung. Obwohl der Titel einen religiösen Hintergrund vermuten lässt, ist er es nicht wirklich. Vielmehr ist es die unbeantwortete Frage nach dem Sinn für die vielen Ungerechtigkeiten dieser Erde. Live war Ure mit diesem Album lediglich in den Staaten als Support für Howard Jones unterwegs.

Anfangs wunderte sich die Presse dahingehend schon und fragte, warum denn der Meister vor dem Lehrling spielen würde. Derartige Kritiken galt es vor Howard Jones aber zu verbergen. Schließlich sei es unklug, den Headliner zu verärgern. Tatsächlich sorgte Ures Anwesenheit auf dem nordamerikanischen Kontinent und das entsprechende, in den USA gedrehte Video dafür, dass „Dear God“ sich im Januar 1989 ebenfalls in den dortigen Charts für fünf Wochen und mit Platz 95 als höchste Platzierung positionieren konnte. In Großbritannien reichte es für Platz 55. Dennoch zeigte sich Ure extrem verärgert darüber, dass seine Musik durch die Plattenbosse nicht die Berücksichtigung und Vermarktung erhielt, derer er sie für würdig hielt; auch aufgrund des Argumentes, dass der Titel das Wort „God“ beinhalten würde, was die Akzeptanz unter der amerikanischen Bevölkerung negativ beeinflussen würde. Trotz lokaler Unterstützung blieben die erhofften Verkaufszahlen aus und erstmals befand sich Midge Ure in einer Situation, mit der er in diesem Ausmaß bisher noch nicht konfrontiert wurde: Erfolglosigkeit. Nach Ausräumung vertragsrechtlicher Probleme trennten sich die Wege von Chrysalis und Midge Ure. Und nicht nur das: Sein Streben, die Stufe eines Sting, Peter Gabriel oder Phil Collins zu erreichen, rückte wieder in die Ferne. Was aufgrund der zumindest in Deutschland mitunter sehr positiven Kritik kaum nachvollziehbar war.

 

 

Pure

Während der Trennungsphase von Chrysalis nutzte Midge Ure die Zeit, die Arbeiten neuer Songs voranzutreiben. Thematisch gesehen sieht Midge Ure selbst den roten Faden des Albums im Auf und Ab zwischenmenschlicher Beziehungen. Dabei versucht er aber, sich vom Liebeslied im eigentlichen Sinne zu distanzieren und sich mit den schwereren Zeiten einer Partnerschaft zu befassen. Mitunter verarbeitet er dabei die eigene Trennung von seiner ersten Frau. Die unterschiedlichen Stimmungen spiegeln sich auch in der musikalischen Umsetzung wieder. So ist „Cold Cold Heart“ ein eher optimistischer und freundlich-hoffnungsvoller Popsong. „Pure Love“ ist - vom Tango - beeinflusst eher nachdenklich, während das keltisch angehauchte „Waiting Days“ schon fast düster und depressiv wirkt. Aber in den Songs, an denen Ure zwei Jahre im heimischen Studio und in seinem Exil auf Montserrat arbeitete, bevor das durch einen Wirbelsturm zerstört wurde, geht es nicht nur um das Thema Liebe. Nach wie vor beschäftigt Ure die Entwicklung auf dem afrikanischen Kontinent. Bei „I See Hope“ versucht er mit Gospelchören, afrikanischen Beats und keltischen Instrumenten, eine optimistische Stimmung zu verbreiten, ohne dabei einen religiösen Bezug herstellen zu wollen.

Der Bezug zur Realität bei „Tumbling Down“ ist da wesentlich prägnanter. Hier geht es um den Fall der Berliner Mauer und die Wiedervereinigung Deutschlands. Wichtig ist ihm dabei primär der Stil, wie diese Thematik musikalisch umgesetzt wird, um nicht einem weiteren Klischee zum Opfer zu fallen.

„Let It Go?“ ist ein weiterer Song mit Tiefgang, der in jedem Hörer die Frage aufkommen lassen soll, was jeder selbst für sich machen kann oder auch sollte, um etwas zu bewegen. Mache ich genug? Kann ich überhaupt etwas erreichen? Oder wird sich irgendjemand Anderer darum kümmern? Zufall oder nicht, aber zur gleichen Zeit schrieb sein Freund und Weggefährte aus Zeiten von Band Aid Bob Geldof mit „The Great Song Of Indifference“ ein Stück mit identischer Botschaft. Insgesamt ist „Pure“ ein Album voller Harmonien, auch weil Midge selbst sich für einen strukturverliebten und melodie-orientierten Musiker mit Hang zum Altmodischen sieht. Neben Stücken für ein nächstes Album schrieb er mit “Come The Day“ den Titelsong für den Film „Die Klasse von 1999“. Leider wurde der Film selbst der Qualität des Songs nicht gerecht.

Über Heinz Henn kam der Kontakt zu BMG Deutschland zustande, der dort in seiner Funktion als A&R Manager tätig war. Er war ein Anhänger von Ures Musik und so hörte er sich mit ihm zusammen in dessen Studio das neue Material an, was Ure seit „Answers“ geschrieben hatte. Es waren fast ausreichend genug Songs für ein neues Album und Henn gefielen die Stücke auch. Doch die potenzielle Hit-Single fehlte ihm. Also sang Ure ihm den Rough-Mix von „Cold Cold Heart“ vor, woraufhin Ure und Henn sich auf einen Künstlervertrag einigten. Ure sah die Möglichkeit, auf diese Weise auch in Großbritannien und den USA Einfluss nehmen zu können. Während in Großbritannien die Arista ansässig ist, ist es unter dem Deckmantel BMG International in New York die Arista und RCA. Henn überredete Midge zu einem Plattenvertrag mit der BMG, wobei der davon ausging, dass sich die Major Label in jedem der länderspezifischen Sparten seinen Bedürfnissen anpassen würden.

Die Wirklichkeit sah aber anders aus. In den USA sollte Ure zunächst bei Arista unterkommen. Doch dort sollte seine Musik nach Wunsch des hiesigen Bosses Clive Davis musikalisch angepasst werden. Damit war Midge aber nicht einverstanden und so landete er bei RCA, der in den Staaten weit weniger Einfluss als Arista hatte. In Großbritannien lief es auch nicht besser, weil Arista dort eher ein Black Label ist und musikalisch eher dem R&B zugetan.

Nach eigener Einschätzung fühlte Midge sich wie ein Fisch auf dem Trockenen. „Cold Cold Heart“ erschien im August 1991. In Großbritannien stieg der Song bis auf Platz 17 der Charts und hielt sich dort für sieben Wochen. In Deutschland reichte es lediglich für Platz 47, dafür aber zehn Wochen in den Top Einhundert. Das Video wurde unter der Regie von Ure selbst in Los Angeles und Mexiko gedreht. Für eine Platzierung in den USA reichte es nicht. Dennoch war „Cold Cold Heart“ fester Bestandteil der dortigen Programms unabhängiger Radiosender. Das Album „Pure“ erschien im September 1991 und hielt sich mit Platz 36 nur zwei Wochen in den britischen Charts. In Deutschland war Midge im November 1991 live unterwegs.

Für Ure war es absolut unverständlich, dass der erwartete Erfolg ausblieb. Mittlerweile stufte er seinen Umgang mit „Answers“ als seinen eigenen Fehler ein. Aber „Pure“ hielt er für ein gutes Album. Nichts spräche dagegen, dem Vergleich mit den Alben anderer erfolgreicher Künstler standzuhalten. Doch während die Millionen verdienten, schien er neuerlich sein Ziel verfehlt zu haben. „Pure“ friste ein unspektakuläres Dasein. Auch „I See Hope“ war für Midge ein ähnlich starker Song wie “Cold Cold Heart”. Er erschien zwar als Single, doch bekam er aufgrund fehlender Unterstützung keine Chance. Entsprechend reichte es nicht für Platzierungen; auch nicht für „Let It Go?“, der letzte Auskopplung des Albums.

Midges Frustration gipfelte darin, dass BMG die eigenen Entscheidungen in Zweifel stellte und Midge wieder in die Zuständigkeit „Artist And Repertoire“ (A&R) verwies. Fallengelassen werden konnte er aufgrund seines gültigen Vertrages nicht. Er wurde aber schlichtweg ignoriert. So ahnte Ure bereits, dass auch ihn das Schicksal ereilen würde, welches bereits anderen einstmals großen Künstlern widerfuhr, die bei BMG untergekommen waren. Unrühmlicher Höhepunkt war wohl, dass beim einzigen Weihnachtsgeschenk, welches er von BMG erhalten hat, mit „Mitch“ sein Name auch noch falsch geschrieben wurde.

Den Grund für die aus Ures Sicht katastrophale Entwicklung erfuhr er bei einem internationalen Treffen der BMG durch ein Streitgespräch zwischen Heinz Henn als Vertreter der Deutschen BMG und seinem britischem Pendant heraus. Da verstand er, dass die verschiedenen Niederlassungen nicht miteinander, sondern gegeneinander arbeiteten. Aufgrund kontraproduktiver Mentalitäten stand sich das Unternehmen selbst im Weg. Und somit sah Midge kaum Hoffnung, auf dem britischen und amerikanischen Markt eine weitere Chance zu bekommen, sollte er nicht neuerlich einen Hit schreiben. Doch auch das gestaltete sich als schwierig, weil er vertraglich gesehen eigentlich als starker Musiker in Sachen Komposition und Produktion autonom handeln durfte. Während seine Versuche der direkten Kontaktaufnahme mit den USA und Großbritannien nahezu gänzlich ins Leere liefen, legte ihm die BMG in Form von Heinz Henn bei jedem seiner Demos nahe, die an sich guten Ideen doch mit einem Produzenten zu bearbeiten. So auch mit einem bereits 1991 entstandenem Stück, das ursprünglich instrumental war. Chris O’Donnell war ausschlaggebend, dass auch ein Text hinzukam, da ihn die Stille des Songs an Ein- und Ausatmen erinnert. Bis zur Veröffentichung des Songs dauerte es aber noch eine Weile.

 
 

Breathe

Auch bei „Breathe“ blockte die BMG das schon fertige Master mit der Begründung ab, es sei zu elektronisch. Tatsächlich war Midge davon überzeugt, dass es an seiner komplett von ihm selbst durchgeführten Produktion lag. Eben genau das widersprach der damaligen Ideologie der Plattenindustrie, welche die unbedingte Zusammenarbeit mit einem namhaften Produzenten vorsah. Auf Heinz Henn konnte er nicht mehr zählen, und der britische Zweig der BMG reagierte überhaupt nicht mehr auf seine Anrufe. Mehr gezwungen als aus freiwilligen Stücken begab sich Ure mit einigen anderen Musikern auf eine Songwriter-Tour quer durch die USA.

Er tauschte seine elektrische Gitarre gegen eine akustische aus und präsentierte seine Songs musikalisch minimalistisch. Doch während die anderen Musiker während der Ruhephasen neue Songs schrieben, verbrachte er seine Zeit eher mit anderen Dingen. Erst nach und nach konnte er auch durch die Anwesenheit geballter Kreativität überzeugt werden, zum Wesentlichen zurückzukehren: Zur Musik. Und was er sich kaum vorstellen konnte, einen Song wie „Vienna“ unplugged zu spielen, funktionierte tatsächlich. Und so begann auch er mit dem Schreiben neuer Songs.

Dass er 1992 das Thema zur „Playboy Late Night Show“ beisteuerte, sei an dieser Stelle nur am Rande erwähnt. Im Februar 1993 erschien das Video “Answers - A Musical Biography”. Neben diversen TV-Ausschnitten und Musikvideos gibt es auch zahlreiche Interviews mit Leuten, die Midge auf seinem Weg begleitet haben. U. a. sind neben Ure selbst auch Kenny Hyslop, Rusty Egan, Bob Geldof, Chris Cross, Phil Collins, George Martin und auch Scott Gorham (Thin Lizzy) zu sehen und zu hören. In chronologischer Reihenfolge werden die Station seines Werdegangs aufgezeigt und mit Geschichten und Erzählungen aufgefüllt. Im gleichen Jahr kam die entsprechende CD zum Video in Großbritannien bis auf Platz 10 der Albumcharts. Nach seiner Rückkehr von der Songwriter-Tour ging Ure gewissermaßen einen Kompromiss ein, indem er sich selbst auf die Suche nach einem Produzenten machte. Über Richard Beck gelangte er an The Comedy Divine von Milla Jovovich.


Zunächst war Midge irritiert, da er sie eher als Schauspielerin denn als Sängerin kannte. Doch von der Qualität der Aufnahme war er begeistert, da sie genau die lebendigen und kraftvollen Eigenschaften in sich trug, die er wollte. Der Produzent war Richard Feldman, ein Gitarrist und Songwriter aus Texas, der in Los Angeles wohnte. Midge war sich sicher, seinen Mann gefunden zu haben. Der Kontakt über die BMG wurde hergestellt. In den USA traf er auf viele neue Musiker und unter anderem auch auf Sally Dworsky, mit der er das Duett „Guns And Arrows“ interpretierte.

Die Zusammenarbeit mit Feldman gestaltete sich produktiv, aber auch anstrengend. Nicht selten kam es zu hitzigen Diskussionen darüber, wie etwas zu klingen habe und musikalisch umgesetzt werden sollte. Aber auf diese Art und Weise entstanden Dinge, die Midge so eher nicht gemacht hätte. Aber an die Zusammenarbeit mit einem Produzenten musste sich Midge nach „Quartet“ erst wieder gewöhnen. Auch die Entstehung des neuen Albums hatte im Vergleich zu „Pure“ den gravierenden Unterschied, dass statt ein paar Musikern jetzt viele unterschiedliche Sounds und Instrumente mit irisch-keltischem Einfluss durch an die zwanzig unterschiedliche Musiker eingespielt wurden. Hervorzuheben wären da Robert Fripp und Paddy Moloney von den Chieftains, Ofra Harnoy am Cello und Eleanor McAvoy von Hothouse Flowers als Sängerin.

Für den orientalischen Touch bei „Live Forever“ zeigte sich Shankar verantwortlich. Midge stuft das Album im Vergleich zu den Vorgängen als viel persönlicher ein, weil er aufgrund der Zusammenarbeit mit den vielen Gastmusikern selbst kaum ein Instrument eingespielt hat und hauptsächlich gesungen hat. Da er auch der Produktion eher beiwohnte, als diese selbst vorzunehmen, fühlt er sich den Songs mehr verbunden und sieht in ihnen somit eine gesteigerte Ehrlichkeit und Offenheit. Trotz aller akustischen Instrumente vertraut er dennoch auf den Einsatz von Samples und Synthesizern, um auf diese Art den klanglichen roten Faden von „Breathe“ mit einer Mischung aus Technik und Tradition zu finden.

Nach Fertigstellung schickte Ure das Album nach New York. Doch aufgrund der Tatsache, dass die dortige RCA gerade führungslos war, wurde die Veröffentlichung auf Eis gelegt. Als sechs Monate später immer noch nichts geschah, fragten Midge und Chris O’Donnell selbst nach und erfuhren, dass auch die Arista in Großbritannien auf der Suche nach einer Leitung der Führungsetage war. Und solange diese Positionen nicht neu besetzt waren, würde trotz eines fertigen Albums auch nichts passieren. Mit „Trail of Tears“ wurde 1995 dennoch ein Song des Albums bereits veröffentlicht. Und zwar als Soundtrack des US-Films „Die Sache mit den Frauen“. Und mit „My Wonderful Friends” tauchte ein weiterer Song, der woanders nicht veröffentlicht wurde, kurz im Zeichentrickfilm “The Adventures of Mole” auf.

Es dauerte letztendlich bis 1996, bevor „Breathe“ veröffentlicht wurde. Für die gleichnamige Single wurde in Südengland nahe des Westbury White Horse, einem 1778 entstandenen Scharrbild, das entsprechende Video gedreht. Auf Promotion-Auftritte und diverse One-Off- Gigs, insbesondere in Osteuropa, gab es durchaus positive Resonanz. Nur in Großbritannien nicht. In den fünf Jahren, die es bis zur Veröffentlichung dauerte, hatte sich die Musikszene verändert. Brit-Pop mit Bands wie Blur oder Oasis waren angesagt. Die Aufmerksamkeit für „Breathe“ hielt sich in Grenzen, und so landete die Single für gerade mal eine Woche mit Platz 70 in den britischen Charts. Daran änderte auch die zweite Single „Guns & Arrows“ nichts, die im November 1996 noch veröffentlicht wurde. Midge war völlig desillusioniert und unfähig, sich weiter musikalisch kreativ zu betätigen. Er sah seine Karriere am Boden zerstört.

How Long Is A Swatch Minute? Wie lang diese ist, hängt laut des Werbespots von der entsprechenden Situation ab. Doch zumindest kann behauptet werden, dass für Midges letztes Album in Italien eine neue Zeitrechnung begonnen hat. Decam, ein italienisches, auf Musik für Werbespots spezialisiertes Unternehmen, mochte „Breathe“. Einige der dort beschäftigten Mitarbeiter liebten diesen Song und fanden es nahezu tragisch, dass ihn kaum jemand kannte. Sie warteten auf die passende Gelegenheit und präsentierten ihn zusammen mit fünf anderen Songs als potenzielle Untermalung einer neuen Werbekampagne des Schweizer Uhren-Herstellers Swatch. Nicolas Hayek, Eigentümer des Unternehmens, verliebte sich sofort in „Breathe“ und wollte diesen unbedingt für die Werbekampagne haben.

Midge war zunächst skeptisch, weil es schließlich ein eigenständiger Song war und nicht für eine Werbung geschrieben wurde. Er wollte sich irgendwie nicht unter Wert verkaufen. Andererseits war er sich des Wandels im Musikgeschäft bewusst und fragte sich, was er schon zu verlieren habe. Nachdem er den Werbespot sah, stimmte er schließlich zu. Große Hoffnungen machte er sich aber nicht, bis Heinz Henn ihn im Herbst 1997 anrief und darüber informierte, dass in Italien „etwas passiere“. Bei den Radiosendern liefen die Telefone heiß, weil jeder wissen wollte, was denn das für ein Song sei. Paradox, dass niemand die Antwort wusste, obwohl das Album bereits seit zwei Jahren in deren Archiven stand. Allerdings riefen wohl auch genug Hörer an, die den Song kannten und die Unwissenden entsprechend ins Bild setzen konnten.

Die Ereignisse überschlugen sich, als „Breathe“ bis an die Spitze der italienischen Charts stürmte. Eine Tour musste her. Über Josh Phillips, mit dem Midge bereits früher arbeitete, und seiner neuen Tour-Managerin Berenice Hardman ließ er eine Band zusammenstellen. Diese musste aber besondere Fähigkeiten besitzen, da auch die keltisch anspruchsvollen Stücke der „Breathe“ umgesetzt werden mussten. Neben Josh Philips selbst bestand diese aus Russell Field (Drums), Dave Williamson (Bass) und Troy Donockly, der neben der Gitarre auch die Palette irischer Instrumenten abdeckte.

Gleich die erste Probe empfand Midge als derart atemberaubend, dass er nach nur zwei Stunden die zuvor für ihn fremden Menschen bereits als beste Freude ansah. So ging es durch Italien und Midge fühlte, wie das Leben und der Spaß in den musikalischen Bereich seines Lebens zurückkehrten. Und nicht nur das. Viel wichtiger war ihm, dass er mit der Einschätzung seiner eigenen Fähigkeiten richtig lag. Er konnte noch immer gute Musik schreiben. Und diese Bestätigung gab ihm das Gefühl von Zufriedenheit und auch Genugtuung. Der Erfolg weitete sich aus und auch in anderen Ländern ging es mit „Breathe“ weiter nach oben. Während das Album in Deutschland im März 1998 bis auf Platz 63 stieg, ging es in der Schweiz bis auf Platz 22 und in Österreich sogar bis auf Platz 10. Die Single war hingegen erfolgreicher (D12, AT1, CH17). Und auch in anderen Ländern Europas reichte es für gute Platzierungen in den jeweiligen Charts.

Die große Ausnahme war erneut Großbritannien, weil dort der Werbespot nicht allen Fernsehzuschauern zugänglich war. Außerdem weigerte sich die dortige Vertretung der BMG, die Single erneut zu veröffentlichen. An den Differenzen zwischen den Ländervertretungen hat sich nichts geändert und obwohl der Erfolg des Songs offensichtlich war, ignorierten sie ihn einfach.

 
 

 Move Me

Durch die ungeplante Tour 1998 mussten die Arbeiten für das Folge-Album entsprechend nach hinten verschoben werden. Mit „Move Me“ kehrte Midge Ure von seiner folkloristischen Exkursion, auf die er sich mit „Breathe“ begeben hatte, stilistisch wieder zu dem Sound zurück, den man vom ehemaligen Ultravox-Frontmann kennt. Sein Anteil an den von ihm selbst eingespielten Passagen hat sich entsprechend wieder vergrößert, wodurch er die Rolle des Zuschauers abgibt und die Musik wieder wesentlich gitarrenorientierter ist. Außerdem hat er den Synthesizer für sich wiederentdeckt, um mithilfe neuer Technologien und Klangfarben die passende Atmosphäre zu schaffen. Zwar klingt das Album völlig anders als „Breathe“, doch der prägende Stempel Ures ist eindeutig, wobei „Move Me“ im Vergleich zu seinen vorherigen Alben eine Spur mystischer und dunkler zu sein scheint. Die Grundstimmung scheint irgendwo zwischen ernster Traurigkeit und optimistischer Melancholie zu liegen. Dafür verantwortlich ist Midge selbst, da er die Rolle des Produzenten wieder selbst ausfüllt und sich hinsichtlich neuer Ideen sehr experimentierfreudig zeigt.

Seine Absicht lag darin, einen Unterschied zu seinen früheren Werken zu erlangen. Auch auf die Gefahr hin, dass die Fans, welche erst aufgrund der Single „Breathe“ und des entsprechenden Albums auf den Geschmack gekommen sind, jetzt aufgrund des doch etwas anderen Sounds überrascht gewesen sein dürften. Für die Fans allerdings, die Midge und seinen musikalischen Werdegang schon länger verfolgten, war es lediglich eine Rückkehr zur Normalität. Nach wie vor handeln seine Songs von dem, was das Leben bietet. Seien es Bücher, TV-Sendungen, Nachrichten, Erfahrungen oder Ereignisse. Es geht in erster Linie um das Auf und Ab des Lebens. Das Album ist thematisch weit gefächert, aber durchaus mit dem erforderlichen Roten Faden. Dabei sieht Midge den Vorgang des Songwritings durchaus als eine Art von persönlicher Therapie, um sich auf diese Art seine Ängste, Sorgen, Gedanken von der Seele zu schreiben. Erfolg bedeutet dann für ihn, wenn er von seinen Fans ein positives Feedback bekommt und diese sich inhaltlich mit seinen Texten identifizieren können. Entsprechend sieht er seine Vorgehensweise als harte Arbeit an.


Die Produktivität einiger Hitmaschinen, die nach einem Besuch der Toilette nach fünf Minuten scheinbar mit einem halben Album zurückkommen, hält er auf eine absurde Art für lächerlich. Sein Anspruch an sich selbst ist auch ein völlig anderer. Denn er möchte nicht versuchen, vielleicht einen interessante-ren Song als jemand anderes zu schreiben. Er möchte es, ohne sich um des Erfolges Willen verbiegen zu müssen, interessanter machen als das, was er selbst in der Vergangenheit geschrieben hat. Es sollte mindestens gleichwertig, im Optimalfall aber besser sein. Und darin liegt auch die Schwere der Arbeit. Es dauert mitunter sehr lange, bis er mit etwas zufrieden ist und für albumtauglich hält. Immerhin ist das Niederschreiben von Gefühlen und Gedanken ein sehr persönlicher und intimer Akt, mit dem er sich anschließend seinen Fans und der Öffentlichkeit präsentiert.

„Move Me“ als Song handelt davon, sich sowohl physisch als auch psychisch zu bewegen, sich spirituell zu betätigen und sich von Eindrücken und den entsprechenden Emotionen inspirieren zu lassen. „Alone“ klingt beim ersten Eindruck nach Selbstmitleid, was auch zutrifft, wenn man sich nicht um Gesellschaft bemüht und sich somit selbst zur Einsamkeit verurteilt. Ähnliches beinhaltet „Somebody“, der zum Ausdruck bringen will, dass jeder Mensch eine Schulter zum Anlehnen braucht. Sei es nun mental oder auch körperlich. Etwas drastischer ist da schon „Beneath A Spielberg Sky“. Der Name des Regisseurs dient dabei als Metapher für das ganz große Kino. Leuchtende Farben, tiefe Gefühle und beeindruckende Bilder. Tatsächlich geht es dabei um Krieg und den Wandel der Zeit. Alles wird realistischer und die Technik macht es möglich, über alles informiert zu sein mit dem Empfinden, sich selbst mitten im Geschehen zu befinden. Und sollte eines Tages die Welt für immer untergehen, erfährt der Zuschauer alles aus erster Hand mit „Beneath A Spielberg Sky“. Die Idee zum „Refugee Song“ entstand während Ures Aufenthalt im Kosovo, als die Spuren des dortigen Bürgerkrieges bei ihm nachhaltigen Eindruck hinterließen. Er versuchte sich in die Lage der Flüchtlinge zu versetzen und zu verstehen, wie er mit dieser Situation umgehen würde. Das instrumentale Stück „Monster“ war eigentlich für das Fernsehen gedacht und eine Dokumentation über Frauen im Gefängnis. Doch als sich das Stück aus einer Mischung zwischen Led Zeppelin und Fatboy Slim entwickelte, entschied er sich anders und behielt es für sich, um es auf das Album zu packen.

Nach Fertigstellung von „Move Me“ legte Midge sehr großen Wert darauf, den Schwung des unverhofften Erfolges mit in die Zukunft zu nehmen. Er hatte dafür gesorgt, dass die Konzerte der Tour mitgeschnitten wurden und bot der BMG in Form von Firmenchef Rudi Gassner kostenfrei an, die fertig abgemischte Aufnahmen zur Veröffentlichung eines Live-Albums als Überbrückung bis zum neuem Album zu verwenden. Doch der lehnte ab, weil das nächste Album von Midge Ure seiner Meinung nach kein Live-Album sein sollte.
Als „Move Me“ Ende 1999 fast fertig war, gab es noch immer keine Veröffentlichung. Und das Schicksal meinte es mal wieder nicht gut mit Midge. Gassner starb kurz vor Weihnachten unerwartet beim Jogging. Schon tragisch genug, war Gassner einer der letzten Fürsprecher bei BMG International, die er noch hatte. Als kurz danach auch Heinz Henn noch das Unternehmen verließ, hatte er in der Österreicherin Gaby Sappington nur noch eine Verbündete. Sie setzte sich dafür ein, das Midge zumindest bei BMG Entertainment unterkam.


Midge unternahm selbst etwas in Sachen Promotion und bekam auch durchaus positive Resonanz. Doch sein Album erschien wieder mal zum falschen Zeitpunkt und versank ohne Promotion jenseits der öffentlichen Wahrnehmung in der Versenkung. Weder das Album noch die Singles „You Move Me“ sowie „Beneath A Spielberg Sky“ schafften es in die Charts. Selbst Videos, die er selbst produzierte und seinem Label zur Verfügung stellte, konnten nicht verhindern, sich neuerlich damit abfinden zu müssen, sein Ziel verfehlt zu haben. Dabei war er nach wie vor fest davon überzeugt, weitere Hits schreiben zu können. Er muss nur für den richtigen Song den optimalen Zeitpunkt der Veröffentlichung finden. So wie es bei „Vienna“ und „If I Was“ passierte. Doch mittlerweile wurde ihm mehr und mehr bewusst, dass er auch ein ganz anderes Probleme zu lösen hatte: Die Überwindung seiner Alkoholsucht. Schon mit „Let Me Go“ deutete er auf dem Album an, welche Dämonen er zu bekämpfen hatte. In einem Interview zum neuen Album meinte Midge, dass er sich für die Zukunft einen guten Verkauf der „Move Me“ wünsche und dass es nicht wieder sechs Jahre bis zum nächsten Album dauern würde. Zu diesem Zeitpunkt konnte er nicht ahnen, dass keiner seiner Wünsche in Erfüllung gehen würde.

 
 

TEN

2008 erfüllte sich Midge einen anderen langersehnten Traum, als er „Ten“ aufnahm. Schon seit Jahren sprach er davon, eine Compilation mit Coversongs zu veröffentlichen. Dabei handelt es sich um Songs, die ihm persönlich viel bedeuten und die ihn musikalisch geprägt haben. Für ihn ist es eine Reise in seine eigene Vergangenheit, und jeder der Songs hat für ihn eine ganz besondere Bedeutung. Hierzu Midge selbst zu seinen Tracks:

ALFIE: War der Soundtrack zum Familienurlaub in Largs am Fluss Clyde. Obwohl es nur dreissig Meilen von unserem Heimatort entfernt war, war es der Himmel für mich. In der frühen Morgensonne spazieren mit diesem Lied in der Luft, das aus tausend Radios schallte. Ich hatte die Version von Dion Warwick noch nicht gehört, denn die von Cilla Black war im Vereinten Königreich ein Hit. Die brillante Melodie und die Produktion von George Martin war alles, was man brauchte, damit Familienurlaube märchenhaft wurden.

MAN OF THE WORLD: Irgendetwas passierte, was ich immer noch nicht erklären kann, mit Gitarristen und Gitarren-Sounds in der Mitte der 60er Jahre. Anscheinend gab es eine Entwicklung vom besonders makellosen Hank Marvin zu schmutzigem, sexy, bluesigem Zeug von Leuten wie Clapton, Hendrix und dem Mann, der das hier sang, Peter Green. Ich zähle dies immer noch zu einem der schönsten Lieder, das jemals geschrieben wurde.


GOODBYE TO LOVE: Als ich in Glasgow lebte, hatte ich das unglaubliche Glück, dass mein Management das Apollo erwarb und betrieb, so dass es mir möglich war, jede Show zu besuchen, die sie durchführten. Ich sah sie alle, von Led Zeppelin bis Emmylou Harris, Black Sabbath bis The Carpenters. Dieses Stück war ein außergewöhnlicher Moment in deren Konzert, und trotz ihres uncoolen Durchschnitts-Images haben sie ein paar phänomenale Stücke geschrieben und aufgenommen.

DAY AFTER DAY: Badfinger wurden in den frühen 70ern angekündigt als die ‚neuen’ Beatles, was wohl für jede Band das Todesurteil bedeutet und fast unmöglich ist, diese Erwartung zu erfüllen. Trotzdem lieferten die beiden Songschreiber einige der unvergesslichsten Lieder, die jemals geschrieben wurden. „Day After Day“ ist in jeder Hinsicht ein großartiges Lied. Leider lebten die Jungs nicht lang genug, um den Beifall zu bekommen, den sie so sehr verdient hätten.

LET THE HEARTACHES BEGIN: Ich hatte diese Platte von meinen Tanten als Weihnachtsgeschenk bekommen. Es war die Zeit, in der die Menschen alles kauften, was Nummer 1 war, egal ob Du es mochtest oder nicht. Glücklicherweise war dies etwas, was ich mochte.

MY MINDS EYE: Die Small Faces waren ohne Zweifel meine Lieblingsband als junger Teenager. Sie hatten alles, was eine Band haben sollte: Charakter, Stil und großartige Songscheiber wie Steve Marriott und Ronny Lane. Zu der Zeit hielt ich „My Minds Eye“ nur für einen einfachen Popsong, aber über die Jahre hallte es viel tiefer nach, als ich es mir jemals ausgemalt hatte.

SONG FOR WHILE I‘M AWAY: Phillip Lynott war ein Poet, ein großartiger Songschreiber, der ultimative Rockstar und ein Freund. Als ich Thin Lizzy das erste Mal sah, spielten sie in einem winzigen Club in Glasgow, aber sie waren wie Dynamit, was nur darauf wartete, zu explodieren. Sie kombinierten Kraft mit Melodie, Romantik und Rock. ‚Song For While I’m Away’ ist aus diesen frühen Jahren, als der Poet noch wuchs und bevor der Rockstar übernahm. Die sensible Seite eines Vagabunden.

NEVERMORE: Freddie Mercury hatte nicht nur eine großartige Bühnenpräsenz, er war auch ein besonderer Songschreiber. Ich hörte Queen zum erstem Mal im Radio mit ‚Seven Seas Of Rye’ und der Sound und die Produktion hatten mich umgehauen. Sie klangen anders als alles, was ich bislang jemals mochte. ‚Nevermore’ tauchte auf dem zweiten Album der Band ‚Queen 2’ auf und hatte bereits nach wenigen Sekunden Eindruck bei mir gemacht. Das gesamte Album erinnerte an Tolkin und ich versuchte, diesem Thema auch bei meiner Version gerecht zu werden.

TO SIR WITH LOVE: Obwohl dieses Stück von einer weiblichen Studentin an einen männlichen Lehrer gerichtet ist, wollte ich es auf „Ten“ haben. Es hat so eine großartige Lyrik und beneidenswerte Melodie. Im Original von Lulu aus Glasgow aufgenommen und hier von einem anderen ruhmreichen Sprössling der Stadt.

LADY STARDUST: Wenn ich jemals meine CD für eine einsame Insel aussuchen müsste, glaube ich, dass das Ziggy Stardust-Album allem anderen um Längen voraus sein würde. Ich denke, dieses Album war für so viele Veränderungen in meiner Generation auf so vielen verschiedenen Ebenen verantwortlich. Musikalisch und modisch. Damals kamen Lieder und Symbolik zusammen und zeigten den Weg, dem alle folgten. Es besteht kein Zweifel, dass ohne dieses Album die Welt ein wesentlich weniger interessanter Platz wäre. ‚Lady Stardust’ sagt alles.

Bei den Fans schieden sich an „Ten“ jedoch die Geister. Die Umsetzung trifft nicht den musikalischen Nerv eines jeden Fans, was nicht zwangsläufig etwas mit der Auswahl der Songs zu tun hat. Natürlich hat sich jeder, der sich Fan von Midge Ure nennt, das Album zugelegt. Doch möglicherweise befindet es sich hier und da nur der Vollständigkeit halber im CD-Regal. Ein paar Rezensionen:

„Bei vielen Menschen gehört der eine oder andere Midge Ure Song zum Soundtrack ihres Lebens. Sei es nun der Solo-Hit ‚If I Was’, einer der unzähligen Hits von Ultravox wie z.B. ‚Dancing With Tears In My Eyes“, Hymn’, ‚Vienna’ oder auch das ewig junge ‚Fade To Grey’ von Visage. Mit seinem neuen Album ‚Ten’ legt Midge Ure nun den Soundtrack seines Lebens vor. Zehn Songperlen, die es wahrlich verdienen, im neuen Gewand präsentiert zu werden. ‚Ich bin gespannt, ob die Hörer die große Qualität der Orginal-Songs heraushören“, sagt Midge Ure zu seiner Songauswahl. Es sind beim ersten Hören sicher ungewohnte Töne vom ehemaligen Ultravox-Sänger. Wenn man aber auf die Texte achtet und die Musik dann auf sich wirken lässt, spürt man die Klasse der Songs. Midge covert keine Verkaufsklassiker, sondern Songs, die zum großen Teil zu ihrer Zeit untergingen. Queen’s ‚Nevermore’ z.B., angereichert mit einer Prise ‚Herr der Ringe’, oder auch ‚Day After Day’ von Badfinger. Beide Songs haben auch heute noch das Potenzial zum Radio-Hit. Dafür antreten wird aber zunächst ‚To Sir With Love’, im Orginal von Lulu. Einige der Songs hat Midge schon über Jahre live gespielt, so z.B. ‚My Mind‘s Eye’ von den Small Faces, ‚Song For While I‘m Away’ von Phil Lynott oder den Peter Greens Klassiker ‚Man Of The World’. Midge Ure hatte schon nach dem Erfolg seines ersten Coversongs ‚No Regrets’ 1982 ein Cover-Album angekündigt. Erst jetzt legt er es uns vor. Das Warten hat sich definitiv gelohnt.“


„So sehr seine Musik in der Vergangenheit - zu Zeiten von Ultravox und ‚The Gift’ - vor eingängigen Innovationen strotzte, so sehr mangelt es diesem Album an fast allem, was Midge Ure in den letzten ca. dreissig Jahren zu einem überragenden Pop-Musiker machte. Es ist nett anzuhören, weil die Lieder gut ausgewählt wurden und Midge sie singt und sie melodisch arrangiert hat - aber ohne Biss. ‚Let The Heartaches Begin“ ist für mich die einzige Ausnahme - mit Hingabe gesungen und mit typischem Midge-Gesang. Diese kraftvolle Stimme fehlt mir bei ‚Alfie’ und ‚Goodbye To Love’ total - was hätte er in früheren Zeiten daraus gemacht! Ruhiger, gefühlvoller Einstieg, ansteigende Dramatik, Crescendo! Auf dieser Scheibe reicht es nur für den Chill-Out! ‚Nevermore’ - toll ausgewählt, aber das Falsett geht in die Hose. Trotz meiner Enttäuschung bin ich froh über dieses Album, da jede Platte von Midge für mich ein Highlight darstellt, auch wenn er nur 50% seiner Leistung bringt.“

„Nachdem ca. acht Jahre seit seiner letzten CD ‚Move Me’ vergangen sind, habe ich mir sofort am 10. Oktober 2008 (Midge`s Geburtstag) sein neues Werk ‚Ten’ zugelegt und bin enttäuscht. Mir war durchaus bekannt, dass es sich hier ausschließlich um Coverversionen handelt, aber Midge hat in der guten alten Vergangenheit öfter bewiesen, dass er zu guten Coversongs fähig ist, z.B. ‚No Regrets’ oder ‚The Man Who Sold The World’. Seine zehn Songs gestalten sich jedoch sehr langweilig und monoton. Seine Stimme ist oftmals nicht zu erkennen. Besonders scheitert er an dem Queen-Song ‚Nevermore’. Die beiden Titel ‚Goodbye To Love’ und ‚Let The Heartaches Begin’ erinnern an alte Qualitäten, der Rest ist belanglos. Scha­de, da er mit ‚Personal Heaven’ in 2008 bereits einen schönen Ansatz hatte. Das Ganze ist nicht ganz verständlich. Und sehr schade.“
„Die Songs auf ‚Ten’ wurden im Winter 2007/2008 in Kanada aufgenommen und klingen leider auch so, als wären sie fern jeder Zivilisation in einer verschneiten Berghütte aus reiner Langeweile heraus entstanden. Entsprechend verschnarcht kommen die zumeist in akustischen Gewändern gehaltenen Interpretationen daher. Mit Midge Ures Wave-Pop-Vergangenheit hat dieses Album jedenfalls rein gar nichts zu tun, was auch nicht zwingend erwartet wird. Nichtsdestotrotz erinnern Songs wie ‚Alfie’ oder ‚Nevermore’ mehr an einen musikalischen Altherrenabend als an ambitionierte Singer/Songwriter-Kost. Dennoch muss man Midge Ure zugutehalten, dass er sich nicht wie die meisten anderen an bekannte Verkaufsschlager herangemacht und die Originalversionen komplett auseinandergenommen und auf ungewohnte Weise wieder zusammengesetzt hat. Das verdient Respekt. Dass das Ergebnis am Ende trotzdem etwas dröge klingt, ist deshalb besonders schade.“

 

 

Fragile

Vierzehn Jahre benötigte Midge Ure, um nach „Move Me“ (2000) ein neues Solo-Album („Little Orphans“ und „Ten“ unberücksichtigt) zu veröffentlichen. Immer wieder hat er seitdem betont, dass die Zeit für ein neues Album gekommen sei. Doch erst 2014 wurde die Absicht auch in die Tat umgesetzt. Scheinbar unter dem Mantel der Verschwiegenheit wurde „Fragile“ aufgenommen. Etwas überraschend, denn die Fans rechneten eigentlich eher damit, dass es ein weiteres Album von Ultravox geben würde.

Hypertension zum neuen Album: “Fragile ist das erste, brandneue Studio-Album des Grammy- und Brit Award Gewinners Midge Ure seit zehn Jahren. ‘I have recorded various things over that period’ sagt Ure. ‘A covers album of favourite songs, a few live CD‘s and of course the latest Ultravox album Brilliant, so I haven‘t been slacking. I just never felt the need to write and release an album just for the sake of it’. Fragile ist eine kongeniale Kombination der musikalischen Einflüsse aus dem Leben eines Musikveteranen und präsentiert Elemente Ures musikalischer Reise in seiner vollendeten Gitarrenarbeit (Rich Kids, Thin Lizzy) und der Elektronik-und Technologiephase, die er seit den späten 1970er Jahren (Visage, Ultravox) nutzt. Diese Elemente verbinden und verschmelzen mit Leichtigkeit dank seiner produktions- und soundtechnischen Kompetenz.

‚Fragile‘ ist im wahrsten Sinne des Wortes ein ‚Solo-album‘. Midge hat die Songs geschrieben, arrangiert und spielte fast alles selber in seinem Studio in Bath, England ein. Ein Album voll wunderbar produzierter, atmosphärischer Songs eines großartig, talentierten Songwriters. Er spannt den Bogen von ‚Become‘ und ‚Dark Dark Night‘, die aus der Zusammenarbeit mit dem Musikerfreund Moby stammen, und die zeigen, dass seine Elektro-Wuzeln mehr als nur eine vorübergehende Phase waren, zu dem berauschenden und an Kinosoundkulissen erinnernden Song ‚Fragile‘, der als ‚moderner Prog-Rock‘ bezeichnet werden kann. Auf Fragile sitzen Elektro- und Prog-Rock Songs bequem zusammen und ergänzen sich in dem einmaligen Spätwerk des Ultravox Masterminds.“


Was sofort auffällt: Unter den ersten vier Songs befinden sich sogleich drei Songs, welche zumindest den Fans von Midge Ure bereits bekannt sein dürften. „I Survived“ spielte Ure schon auf einen seinen Out-Alone-Touren. Allerdings nur mit Gitarre, weshalb der Song als Studio-Version mit nichts verglichen werden kann. Was aber auffällt: Der Gesang ist sehr hoch, wie es Ure sehr gerne in den letzten Jahren gemacht hat. Auch auf dem letzten Album von Ultravox. Vielleicht ist es daher kein Zufall, dass die musikalische Umsetzung sich von der Stimmung her der „Ten“ annähert und auch gewisse Parallelen zu „Contact“ bestehen. Von „Become“ und „Let It Rise“ hingegen existieren bereits Studioversionen. Und von „Let It Rise“, aufgenommen mit Schiller alias Christopher von Deylen, sogar eine Live-Version. Den Song ohne Schiller, bekannt für seine atmosphärischen und emotionalen Soundflächen, neu aufzunehmen, beinhaltet schon ein gewisses Risiko. Zumal Ure selbst die Version von Schiller schon als extrem gelungen einstuft. Auf die Idee, den Song alleine nochmals neu aufzunehmen, ist er während seiner Solo-Tour gekommen, als er ihn nur auf der Gitarre ohne die ganzen Synthesizer spielte. Viele Zuschauer fragten sich da, was das denn überhaupt für ein Stück sei. Fans, die ihn natürlich kannten, waren von der einfachen Interpretation begeistert. So sah Ure die Zeit als gekommen, seine eigene Interpretation des Songs aufzunehmen. Vielleicht ist diese Version eine Spur weniger spektakulär als das Original. Aber auf seine eigene Art transportiert er dennoch genau diese tragische Melancholie, für die der Song steht.

Etwas anders verhält es sich mit „Become“, der bereits im Rahmen der Nachwuchsförderung Tunited aufgenommen, aber nicht veröffentlich wurde. Eine eingängige Pop-Uptempo-Nummer, die in dieser Version ein musikalisches Facelift erhalten hat und durch zusätzliche Gesangslinien wesentlich reifer klingt. Ein Song, der sich durchaus in den Charts durchsetzen könnte. Dass er allerdings schon über ein Jahrzehnt alt ist und Midge es nie geschafft hat, diesen Song schon früher zu veröffentlichen, verrät er ebenfalls in einer seiner Videobotschaften. „Become“ steht in seiner Entwicklung dafür, dass er seit der „Move Me“ Zweifel daran hatte, ob überhaupt jemand noch Interesse an neunen Songs von ihm haben würde. Immer wieder bastelte er an dem Stück herum und probierte unterschiedliche Dinge aus, die ihm gefielen und dann wieder nicht. Ganz am Ende ist „Become“ für Ure die Rückkehr zu der Zeit Anfang der Achtziger, als er mit Visage in Sachen Synthesizer Maßstäbe setzte und bei Ultravox diesem Sound noch seine Gitarre hinzufügte. Das Quartett der ersten Songs vervollständigt „Are We Connected“. Wer versucht, etwas Vergleichbares in Ures Historie zu finden, wird möglicherweise scheitern. „Are We Connected“ würde vermutlich auf keines seiner vorherigen Alben passen. Eine groovender Bass, unter die Haut gehende Harmonien und eine Stimme, die den Hörer im wahrsten Sinne des Wortes ‚erreicht‘. Ure selbst sieht darin die Fortsetzung von „Contact“, dem letzten Stück der „Brilliant“. Die Menschen leben in einer Welt mit allen Möglichkeiten der Kommunikation. Aber sie kommunizieren nicht wirklich miteinander. Sie sind immer noch getrennt durch Hautfarbe, Rasse, Religion und durch Grenzen, die durch kleine Linien auf einer Landkarte festgelegt werden. Statt sich gegenseitig zu bekriegen, sollte miteinander gesprochen werden.

„Star Crossed“ hingegen würde jeder Fan sofort als Werk von Midge Ure erkennen. Die Gitarre verrät sofort den Komponisten und gemeinsam mit der Stimme könnte der Song - und das eine Tatsache und keine Kritik - der bisher unveröffentlichte Bonus-Track der „Move Me“ sein.

Mit dem Instrumentalstück „Wire And Wood“ (in Anlehnung an den Draht der Gitarrensaiten und das Holz des Gitarrenkorpus) beginnt die zweite Hälfte des Albums. Midge Ure war schon immer bekannt dafür, dass er gerne Instrumentalstücke schreibt, womit er auch die Frage beantwortet, ob ihm die Texte ausgegangen seien. Schon auf „The Gift“ hat das mit Stücken wie „Antilles“, „Edo“ oder auch „The Chieftain“ hervorragend funktioniert. Und mit „Wire And Wood“ scheint sich der Kreis hin „zurück zu den Anfängen“ zu schließen, weil er sich aufgrund seiner orchestralen Umsetzung eben diesen Klassikern annähert ohne Gefahr zu laufen, als Kopie bezeichnet werden zu müssen. Der Song überzeugt durch schöne Melodien und sorgt unbestreitbar für emotionale Momente.

„Dark Dark Night“ entspricht von der Stimmung her dem Titel und könnte der musikalische Bruder von „Are We Connected“ sein. Ein eher melancholischer Song, bei dem aber eher der Drum-Beat den Parts des Grooves übernimmt. Dazu wieder eine leichte und leicht rauchige Stimme im tieferen Bereich. Entstanden ist er durch die Anfrage von Moby, ob Midge mit ihm nicht eine Zusammenarbeit starten wolle. Der stimmte zu, Moby schickte ihm einige Keyboard-Spuren via Mail zu und Midge fügte seine Parts ein. Allerdings brauchte er zur Fertigstellung des einen Songs so lange, dass Moby zwischenzeitlich ein ganzes Album veröffentlichte. So taucht der Song letztendlich nicht auf Mobys, sondern auf Ures Album auf.

Auch „For All You Know“ ist ein sehr ruhiges Stück und erinnert ein wenig an „Tor“, dem Bonus-Track der Single „Fields Of Fire“. Mit einfachen Mittel wie Drum-Loop und Bass zusammen mit der Klarheit seiner Stimme und einer unter die Haut gehenden Melodie schafft es Ure wie kein anderer, die Gefühle des Hörers zu erreichen und Bilder zu erschaffen, die ihn Jenseits vom Alltag durch die Fantasie der Gedanken reisen lassen. „Bridges“ ist der zweite Instrumentalsong auf „Fragile“. Wesentlich gitarrenorientierter könnte er auch zur Zeit der „Answers To Nothing“ entstanden sein. Eine kurze Passage zumindest erinnert durchaus an „Homeland“. Den Abschluss des Albums bildet der Titelsong „Fragile“. Wie überhaupt das ganze Album, auch ein sehr ruhiger, aber auch eingängiger Song mit dem typischen Sound von Ures Gitarre. Dabei soll der Titel wohl genau das ausdrücken, was der Mensch mit seinen Hoffnungen, Erwartungen und Ängsten ist: Zerbrechlich.